November 14, 2015 - December 31, 2016

Nancy Spero

Painting 2.0: Malerei im Informationszeitalter

Museum Brandhorst, München


Das wiederkehrende Interesse an zeitgenössischer Malerei in den vergangenen Jahren fällt überraschenderweise mit einer Explosion neuer digitaler Technologien zusammen. Doch schon seit den 1960er-Jahren haben sich die fortschrittlichsten Ansätze auf dem Gebiet der Malerei in Westeuropa und in den USA in produktiver Reibung mit ihrer zeitgenössischen Massenkultur und den vorherrschenden medialen Bedingungen entwickelt. Vom Aufkommen des Fernsehens und Computers bis zur sogenannten "Internetrevolution" ist es der Malerei immer wieder gelungen, jene Mechanismen zu integrieren, die für ihr angebliches Ableben verantwortlich sein sollten. Weit über ihre technische Definition - Öl auf Leinwand - hinaus war und ist Malerei ein privilegierter Ort, an dem die Herausforderungen einer sich zunehmend mediatisierenden Lebenswelt verhandelt werden.

"Painting 2.0: Malerei im Informationszeitalter" stellt als erstes groß angelegtes Ausstellungsprojekt die Aneignung und Transformation von Informationstechnologien in der westeuropäischen und nordamerikanischen Malerei ab 1960 vor. Die Ausstellung setzt lange vor der Digitalisierung und dem Internet ein - nämlich mit Pop Art und Nouveau Réalisme, die sich erstmals programmatisch neu aufkommender kommerzieller Bildsprachen bedienten. Die Malerei öffnete sich in jenem Moment, als ihre Legitimität durch die Populärkultur und eine "Gesellschaft des Spektakels" (Guy Debord) herausgefordert wurde. Dieser facettenreichen Geschichte einer Malerei im erweiterten Feld geht die Ausstellung bis in die Gegenwart nach - bis hin zu den weitreichenden Folgeerscheinungen des interaktiven Web 2.0 wie den Sozialen Medien und Daten-Clouds.

Eine treibende Kraft dieser Entwicklung ist die Kollision zwischen den visuellen Codes des Spektakels und den subjektiven Spuren malerischer Expressivität. "Painting 2.0" zeigt auf, dass die expressive Geste immer wieder mit dem Begehren verknüpft war, die virtuelle Welt des Informationszeitalters an den Erfahrungsraum des menschlichen Körpers rückzubinden. Die avancierte Malerei der letzten 50 Jahre weist die vermeintliche Opposition zwischen Humanem und Technischem, Analogem und Digitalem als wechselseitig aufeinander bezogene Spannungsfelder aus.

Erstmals seit der Eröffnung des Museums Brandhorst 2009 erstreckt sich mit "Painting 2.0" eine Ausstellung über das gesamte Haus. Abgesehen von dem eigens für Cy Twomblys "Lepanto"-Zyklus geschaffenen Raum im Obergeschoss wird "Painting 2.0" auf allen drei Stockwerken zu sehen sein. Die Erweiterung der Malerei seit den 1960er-Jahren wird in drei eng miteinander verknüpften Sektionen, auf je einer Etage des Museums präsentiert, nachgezeichnet.

Auf der Eingangsebene widmet sich "Geste und Spektakel" der Frage, wie malerische Gestik eingesetzt wurde, um einer Spektakelkultur zu begegnen: von einer Protesthaltung kommerziellen Bildern und ihren Medien gegenüber, wie sie sich in den Schießbildern von Niki de St. Phalle oder den abgerissenen Plakatwänden der Affichisten Mimmo Rotella, Jacques Villeglé und Raymond Hains zeigt, bis hin zu malerischen Strategien, die sich die Sprache der Populärkultur aneigneten wie in Keith Harings "Subway Drawings", Albert Oehlens Computerbildern oder den mittels Photoshop bearbeiteten Leuchtkästen Kelley Walkers.

Im Obergeschoss beschäftigt sich die zweite Gruppe unter dem Überbegriff "Exzentrische Figuration" damit, wie sich Vorstellungen von Körperlichkeit unter dem Einfluss einer kommerziellen Massenkultur und neuer Technologien verändern. Buchstäblich "exzentrische" Figuren wie bei Philip Guston und prothetische Körper wie bei Maria Lassnig, aber auchexzentrische Gesten wie bei Amy Sillman sowie Strategien des Karikierens wie bei Nicole Eisenman bezeugen die komplexe Verflechtung von Körper, medialem Bild und Technologie ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Im Untergeschoss widmet sich "Soziale Netzwerke" malerischen Positionen, die eine "Netzwerkgesellschaft" als solche ausweisen, sowohl durch Praktiken der Bildzirkulation als auch durch die Thematisierung spezifischer sozialer Kontexte. Andy Warhols "Factory", die Gemälde und Aktionen des Kapitalistischen Realismus von Sigmar Polke, Gerhard Richter, Konrad Lueg und Manfred Kuttner, die Künstlerinnen um die feministische New Yorker A.I.R. Gallery, aber auch zeitgenössische Positionen des sogenannten "Network Painting", wie zum Beispiel Seth Price oder R.H. Quaytman, demonstrieren, wie sich Vorstellungen von Gemeinschaft und sozialem Austausch seit den 1960er-Jahren gewandelt haben.

Die Ausstellung bringt über 200 Werke von folgenden rund 100 Künstlerinnen und Künstlern zusammen: Kai Althoff, Ei Arakawa/Shimon Minamikawa, Monika Baer, Nairy Baghramian, GeorgBaselitz, Jean-Michel Basquiat, Lynda Benglis, Sadie Benning, Judith Bernstein, Joseph Beuys, Ashley Bickerton, Cosima von Bonin, KAYA (Debo Eilers & Kerstin Brätsch), Günter Brus, Daniel Buren, Merlin Carpenter, Leidy Churchman, William Copley, René Daniëls, Guy Debord/Asger Jorn, Carroll Dunham, Mary Beth Edelson, Thomas Eggerer, Michaela Eichwald, Nicole Eisenman, Jana Euler, Louise Fishman, Isa Genzken, Mary Grigoriadis, Philip Guston, Wade Guyton, Raymond Hains, Harmony Hammond, David Hammons, Keith Haring, Rachel Harrison, Mary Heilmann, Eva Hesse, Charline von Heyl, Jacqueline Humphries, Jörg Immendorff, Jasper Johns, Joan Jonas, Mike Kelley, Martin Kippenberger, Yves Klein, Jutta Koether, Michael Krebber, Manfred Kuttner, Maria Lassnig, Sherrie Levine, Glenn Ligon, Lee Lozano, Konrad Lueg, Michel Majerus, Piero Manzoni, Kerry James Marshall, John Miller, Joan Mitchell, Ree Morton, Ulrike Müller, Matt Mullican, Elisabeth Murray, Cady Noland, Hilka Nordhausen, Albert Oehlen, Steven Parrino, Ed Paschke, Howardena Pindell, Sigmar Polke, Seth Price, Stephen Prina, R.H. Quaytman, Robert Rauschenberg, David Reed, Gerhard Richter, Mimmo Rotella, Niki de Saint Phalle, Mario Schifano, Amy Sillman, Sylvia Sleigh, Josh Smith, Joan Snyder, Reena Spaulings, Nancy Spero, Frank Stella, Walter Swennen, Paul Thek, Rosemarie Trockel, Cy Twombly, Jacques Villeglé, Kelley Walker, Andy Warhol, Sue Williams, Karl Wirsum, Martin Wong, Christopher Wool, Heimo Zobernig, u.a.

Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher und reich illustrierter Katalog mit 320 Seiten und 350 vollfarbigen Abbildungen in deutscher und englischer Sprache. Vertiefende Essays der drei KuratorInnen Achim Hochdörfer, David Joselit und Manuela Ammer gehen den zentralen Fragestellungen der drei Sektionen nach. Mit Beiträgen von Lynne Cooke, Isabelle Graw, John Kelsey, Tonio Kröner, Wolfram Pichler und Kerstin Stakemeier kommen bedeutende Stimmen zur Entwicklung der Malerei der letzten Jahre in einer Publikation zusammen.

"Painting 2.0: Malerei im Informationszeitalter" ist eine Kooperation mit dem mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, wo die Ausstellung von 2. Juni bis 6. November 2016 zu sehen sein wird.

Kuratiert von Achim Hochdörfer und David Joselit mit Manuela Ammer
Assistenzkurator: Tonio Kröner


ERÖFFNUNGSPANEL
Samstag, 14. November 2015, 18.30 Uhr

Am Tag nach der Eröffnung lädt David Joselit, Ko-Kurator von "Painting 2.0" und Distinguished Professor am Graduate Center der City University of New York, zum Gespräch. Mit internationalen Gästen nimmt er "Painting 2.0" zum Ausgangspunkt, der Malerei und ihren spezifischen Ausdrucksformen in der Informationsgesellschaft nachzugehen.

Seine Gesprächspartner Branden W. Joseph, Frank Gallipoli Professor of Modern and Contemporary Art an der Columbia University in New York, Michelle Kuo, Chefredakteurin des renommierten amerikanischen Kunstmagazins Artforum, sowie Kerstin Stakemeier, Professorin für Kunsttheorie und -vermittlung an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg, widmen sich in ihrer Arbeit mit je unterschiedlichen Schwerpunkten der Malerei seit den 1960er Jahren.

Gemeinsam diskutieren sie die Relevanz von Malerei in einer medial geprägten Gesellschaft. Die Veranstaltung ist der Auftakt zu einer Reihe von Vorträgen, Gesprächsrunden und Performances, die sich im Frühjahr 2016 den drei Themenbereichen der Ausstellung - "Geste und Spektakel", "Exzentrische Figuration" und "Soziale Netzwerke" - widmen werden. Eintritt frei. Veranstaltung in englischer Sprache


Die Ausstellung wird gefördert von PIN. Freunde der Pinakothek der Moderne e.V.

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