December 18, 2013

Tamara Grcic

Double Feature

Schirn Kunsthalle, Frankfurt

Als besonderes Merkmal der Filmkunst betrachtete der ungarische Filmetheoriker und -regisseur Béla Balázs die Unmittelbarkeit des Ausdrucks im bewegten Bild. Während in der Literatur die Zeit mittels der Erzählung gedehnt wird und sich so ein Hintereinander des Gleichzeitigen vollzieht, wird in der figurativen Malerei und der Fotografie der jeweilige Moment/Ausdruck eingefroren und somit in seiner „Augenblicklichkeit“ unendlich. Die Möglichkeit, den Moment im wahrsten Sinne des Wortes aufzunehmen und so etwa Sprache und Mimik eines Menschen gleichzeitig wiederzugeben, bildet ein Alleinstellungsmerkmal der Filmkunst. Im Besonderen vollzieht sich dies in der Großaufnahme, die in der Regel das menschliche Gesicht ins Zentrum setzt, und die sowohl einen Spiegel für den Betrachter darstellt als auch Abstraktion vom Selbigen ermöglicht.
In ihren drei Arbeiten „Bolek“ (2000), „Lucy, Avonmouth“ (2001) und „Una Serenata“ (2008), die die 1964 in München geborene Künstlerin Tamara Grcic im Double Feature zeigen wird, spielt die Großaufnahme vom menschlichen Gesicht eine herausragende Rolle. Im gut 22 minütigen „Bolek“ spricht die 24-jährige Hauptfigur in nicht näher bestimmten, jedoch offensichtlich privaten Umgebungen, über Alltägliches, Einsichten und Träume, ihre Kindheit und die mögliche Zukunft sowie ihre soziale Situation. Bolek spricht Einstellung um Einstellung direkt in die Kamera oder knapp an dieser vorbei und adressiert das Erzählte immer wieder an die Gesprächspartnerin, die selbst jedoch das Gespräch nicht leitet, Bolek vielmehr emphatisch zuzuhören scheint.
In „Lucy, Avonmouth“ öffnet sich nun das Bild von der immer noch stark präsenten Großaufnahme des Gesichts hin zur Umgebung. Die Künstlerin Lucy Pedlar erzählt in verschiedenen Sequenzen von ihrer Krebserkrankung und der darauffolgenden Strahlentherapie und setzt dies in Beziehung zu der Industrielandschaft bei Bristol, die sie im Film erkundet. Organische Prozesse, die sie während der Erkrankung durch den Krebs selbst wie auch durch die Chemie und die Bestrahlung im Rahmen der Behandlung durchleben musste, entfremdeten sie von ihrem eigenen Körper, bevor dieser schließlich gesundete und so buchstäblich von ihr „zurückgewonnen“ wurde. Ähnliches sieht Lucy in der die Industrieanlage umgebenen Natur sich vollziehen. Die Kamera nun übersetzt diese auf der sprachlichen Ebene gezogene Parallelität auf die Bildebene und scheint neben der gezeigten menschlichen Physiognomie, die sich aus charakteristischen Gesichtszügen und Mimik zusammensetzt, eine ebensolche der Industrielandschaft zu erarbeiten.
In der Unmittelbarkeit des Erzählten, das sich die Protagonisten teils abzuringen scheinen und der Spontanität des Ausdrucks, der auch der älteren Sängerin in „Una Serenata“ ins Gesicht geschrieben ist, lässt sich das verbindende Element der Werke erkennen. Diese kurzen wie vergänglichen Augenblicke, die Tamara Grcic, deren künstlerisches Werk neben Videoarbeiten auch Fotografien und Installationen umfasst, selbst als „Zwischenzustände“ beschreibt, tauchen so in ihren Arbeiten auch immer wieder auf.
Als Lieblingsfilm für den zweiten Teil des Abends hat die Künstlerin Abbas Kiarostamis „Und das Leben geht weiter“ (1992) ausgesucht. Der dokumentarische anmutende Film spielt in der Zeit kurz nach dem verheerenden Erdbeben, durch das 1990 im Iran mehr als 30000 Menschen ums Leben kamen. Ein Vater und sein Sohn machen sich mit dem Auto von Teheran auf in die Stadt Koker, um dort nach den beiden Protagonisten von Kiarostamis 1987 erschienenen Film „Wo ist das Haus meines Freundes“ zu suchen.
Im Jahr der Uraufführung wurde der Regisseur in Cannes mit dem „Prix Roberto Rossellini“ für sein Schaffen ausgezeichnet und tatsächlich erinnert auch „Und das Leben geht weiter“ stark an die Filme des italienischen Neorealismus, der als Antwort auf den Faschismus im Italien der 1940er-Jahre entstand. Im Mittelpunkt jedoch steht nicht das Leid und die Pein, die den Menschen durch das Erdbeben zugefügt wurden, sondern immer wieder die bewundernswerte Eigenschaft, das eigene Leben trotz aller Widrigkeiten sich nicht aus der Hand nehmen zu lassen. In diesem Sinne lässt sich „Und das Leben geht weiter“ geradezu als humanitäres Manifest beschrieben und schließt mit seinen Halb-Nahen und Großaufnahmen von Gesichtern auch formal den Bogen zu den Arbeiten von Tarama Grcic.

Text: Daniel Urban

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