Barbara Wally
Wut, Trauer, Mut, Witz und Huld
Seit vierzig Jahren kämpft die New Yorker Künstlerin Nancy Spero um Respekt für die Frauen in aller Welt.
Als im Jahre 2000 die U-Bahnstation unter dem New Yorker Lincoln-Kulturzentrum in neuem Glanz wiedereröffnet wurde, konnte die Künstlerin Nancy Spero in ihrem 75. Lebensjahr einen späten, doch umso glänzenderen Höhepunkt ihrer Laufbahn feiern. Weibliche Heroinen, von Nancy Spero entworfen und von Kunsthandwerkern in Mosaik ausgeführt, schmücken in kleinformatigen, aber weithin wahrnehmbaren horizontalen Friesen die weißen Kachelwände einer der am meisten frequentierten U-Bahn-Stationen von New York und werden sich in den nächsten Dezennien in das Gedächtnis von Millionen Passanten einprägen.
Die aus farbigen Glassteinchen glitzernden Protagonistinnen aus Drama und Oper signalisieren den Passanten - und vor allem den Passantinnen - die kulturellen Leistungen von Frauen. Wie ihre Kolleginnen aus Sport, Wissenschaft, Film und Politik sind die Bühnenstars Trägerinnen der weiblichen Geschichte und Kultur und Verkünderinnen einer Ära der Frauen. Die in ihren Alltagssorgen verhafteten U-Bahnpassagiere werden durch Grazie, Glamour und Glanz der Heroinen, Stars und Diven an den Kachelwänden kurzfristig aus den Tiefen des Daseins herausgehoben und ermutigt, sich an die Größe und Macht der Frauen zu erinnern, sich nicht klein kriegen zu lassen.
Als Nancy Spero Anfang der 50er Jahre ihre künstlerische Laufbahn begann, gab es zwar schon den Ärger und die Wut als Movens, aber noch undifferenziert, ungerichtet. Sie heiratete nach dem Kunststudium in Chicago den Künstlerkollegen Leon Golub, mit dem sie nun 50 Ehejahre, drei Söhne und eine mit allen Tiefen und Höhen gelebte künstlerische Partnerschaft verbinden - in guten wie in schlechten Tagen.
Das Paar ging in den existentialistischen 60er Jahren für einige Jahre nach Paris, wo zwei ihrer Kinder geboren wurden. Ihr damaliger Lebensstil entsprach durchaus den gängigen Vorstellungen von existentialistischer Boheme: kein Geld fürs Essen, aber stets in Intellektuellenkreisen unterwegs, immer rauchend, malte Nancy Spero in diesen Jahren düstere, fast monochrome Bilder von grob konturierter, archaischer Körperlichkeit.
Intellektuell gab es damals viele Herausforderungen, wegweisend für die feministische Orientierung von Nancy Spero wurde Hélène Cixous, für ihre künstlerische Sprache jedoch die Schriften von Antonin Artaud. Dieser verfemte Antiheld des absurden Theaters beeindruckte sie durch die Radikalität seiner Schriften, mit denen er sich - weggesperrt in einer Irrenanstalt - gegen die Ohnmacht der Kontaktsperre wehrte, als er mit seiner Stimme, seiner eigenen Sprache niemanden mehr erreichen konnte. Nancy Spero empfand eine vergleichbare "sprachlose" Ohnmacht als Frau, die kein Gehör findet, die nicht wahr- und nicht ernst genommen wird, wenn es um wichtige Entscheidungen geht. Sie begriff, dass Sprache ein hierarchisches Instrument sein kann. Sprache und Schrift wurden daher auch zu einem bedeutenden Element in ihrer Kunst, die über lange Jahre - die 70er und die 80er - als buchstäbliche Bildsprache, als Kombination von Bildern und Texten in langen vertikalen Bahnen oder horizontalen Friesen als Handdrucke auf Papier wie Wandzeitungen oder als Installation direkt auf die Wände auf sich aufmerksam machten.
Die wichtigsten Werke dieser Periode sind der "Codex Artaud" (1971/72) sowie 1974 "Hours of the Night" und "Torture in Chile", ihre ersten dezidiert feministischen Arbeiten, die durch Amnesty-Berichte über Frauenfolterungen ausgelöst wurden. Nach "Torture of Woman" wechselte die Darstellung ihrer Frauenfiguren von der Opferrolle in jene der "angry woman". 1976-79 entstand dann "Notes in Time on Women", ein 63 Meter langer Papierfries mit Frauenfiguren aus allen Zeiten, Weltgegenden und Mythen. Das aus gedruckten Texten und Bildern kombinierte Band entwirft eine künstlerische Enzyklopädie der Frauen. 1979-81 entstand dann "The First Language" und greift wieder das Artaudsche Thema der Macht der Sprache und der Ohnmacht der Sprachlosigkeit auf.
In einem kürzlich geführten Interview mit der Autorin (am 28.4.2003 in New York) erklärte die Künstlerin, dass es vor allem die von Artaud inspirierten Gedanken über die Sprache und ihre Macht waren, welche sie und ihre künstlerische Arbeit politisierten und auch erste feministische Gedanken auslösten. "Aber erst als ich nach den Pariser Jahren in die USA zurückkehrte [1964, im Alter von 38 Jahren], habe ich das ganze Ausmaß der Ungleichheit in der Geschlechterpolitik begriffen und mich dann den Gruppen politischer Künstlerinnen angeschlossen. Das war wirklich sehr spät in meinem Leben". Die Politisierung geschah auch im Kontext des Vietnamkrieges, denn sowohl Nancy Spero wie auch Leon Golub waren tatkräftige Unterstützer der Antikriegs-Bewegung und engagieren sich bis heute gegen Krieg, Folter und Gewalt und für die Menschenrechte in aller Welt - und zwar sowohl mit künstlerischen wie mit politischen Mitteln. Zwei Jahre nach der Rückkehr aus Frankreich begann ihre Mitarbeit in der Art Workers Coalition, ab 1969 auch bei "WAR" (Women Artists in Revolution), sowie an weiteren kunstpolitischen und feministischen Aktionen, wie der Mitarbeit in der Produzentengalerie A.I.R. Anders als in Europa waren die Antikriegsproteste nicht auf politische Aktionen beschränkt, sondern schlossen künstlerische und feministische Manifestationen ein.
Ab 1966 entstanden in New York die ersten Blätter der "War-Series", einer Serie von kleinformatigen Gouachen. Diese keineswegs machtvoll deklamatorischen, sondern zunächst eher unscheinbaren Arbeiten beeindrucken durch ihre wütende Antikriegshaltung in der Darstellung von Kriegshandlungen, Folterungen, Vergewaltigungen, vielfachem Tod, Opfern und Zerstörung. Bis heute haben diese Bilder ihre Kraft nicht verloren, zur Zeit werden wieder einige in der Ausstellung "Attack! Kunst und Krieg in den Zeiten der Medien" in der Wiener Kunsthalle gezeigt (bis 21. September). Ihre Antikriegshaltung und die Erfahrung, dass gerade die Frauen durch Kriege immer wieder zurückgeworfen werden, lässt Nancy Spero auch heute, angesichts des Krieges im Irak und seiner Motive wieder wütend werden: "Den Frauen wird es im Krieg überlassen, sich um alles zu kümmern: die Babys, die Kinder - ohne Nahrung und Geld, sie bleiben als Opfer übrig, unfähig zu kämpfen, weil sie es nicht gelernt haben - weder anzugreifen noch sich zu verteidigen. Danach müssen sie aber den Dreck aufräumen. Der Krieg im Irak verschlechtert auch die Situation der Frauen in den USA. Die soziale Versorgung wird immer mehr gekürzt. Die einzigen, die Sozialleistungen erhalten, sind die Wohlhabenden, und die Regierung unterstützt immer die starken Männer, die das Geld haben. Die Armen sind immer Frauen. Auch die Öffentlichkeit ist in Kriegszeiten völlig vermännlicht: Man sieht nur noch Bilder von Soldaten, in der Subway, auf den Brücken, im Fernsehen, hie und da erscheint in den Medien zwar auch eine weibliche Soldatin, sonst herrscht totale Absenz von Frauen."
Auf Nancy Speros Bilder von geschundenen, vergewaltigten, geopferten Frauen in den 60er und 70er Jahren folgten die Darstellungen zorniger Frauen. Wut und Zorn über die Lage der Frauen war und ist auch die entscheidende Triebkraft im künstlerischen Schaffen und in den politischen Aktivitäten der Künstlerin. Erst in den neunziger Jahren vollzog sich der Wandel von den wütenden zu den feierlichen Frauen. Auch in diesen neueren Arbeiten verwendet sie die Technik des Handdrucks auf Papier oder direkt auf die Wand. Diese Technik hat auch mit der fortschreitenden physischen Fragilität der Künstlerin zu tun und mit der schmerzhaften Gelenksentzündung der Hände, welche sie daran hindert, Pinsel oder Stift zu benutzen. Doch aus dieser Not entstand ein ganzes Universum von Frauenfiguren aus allen Zeiten, Weltgegenden, Kulturen und Mythen. Es sind inzwischen einige hundert: Von der Judenhure Marie Sanders, über die keltische Göttin Sheela-na-gig, die dem Betrachter mit ihrer scharf gezahnten Vagina droht, über die weit ausschreitende Figur der Himmelsgöttin mit vier Brüsten, die sie aus Darstellungen der Göttin Nut und eigenen Vorstellungen collagiert hat, bis hin zur zeitgenössischen afroamerikanischen Olympiasiegerin oder der altgriechischen Medusa, deren Blick Männer zu Stein erstarren lässt. Alle diese Figuren und Figurinen - sie sind etwa zwischen 20 und 100 cm groß- tummeln sich als Schablonen in Schubladen, Kästen und auf den Tischen des Ateliers. Nachts - wie alle Künstlerinnen/Mütter ist Nancy Spero eine Nachtarbeiterin -, erweckt sie sie raschelnd zum Leben, kombiniert sie zu Prozessionen, Himmelswanderungen, rituellen Handlungen, Eroberungssprüngen im Weltenraum. Dabei transferiert sie Figuren aus dem Alltag in eine überirdische Sphäre, verewigt und feiert sie und verweiblicht den Kosmos. Am Morgen kommen dann die Assistentinnen und drucken die vorbestimmten Farben in die Schablonen, geben ihnen kräftige Konturen und dynamische Substanz in intensiver Farbigkeit.
Das feierliche, rituelle, erhöhende Element der Darstellung von Frauen erwies sich als Alternative zur Wut und zur nachfolgenden Resignation. Aber nicht nur Wunschfrauen bevölkern die Banner, Friese und Fahnen der Künstlerin, sondern durchaus auch abschreckende Frauen, wie jene Militia-Women der extremen Rechten in den USA, die mit Transparenten "Who needs jews, dikes, abortian, communism?" schreien.
Nancy Spero ist Frauen gegenüber nicht unkritisch, sie hat schon zu viele Enttäuschungen in Sachen mangelnder Solidarität und entschlossenem Handeln erlebt. So ist es ihr auch unbegreiflich, dass der derzeitige Präsident der USA überwiegend von Frauen gewählt wurde.
Befragt nach ihrer eigenen Stellung als verheiratete Frau und Mutter von drei Kindern in der amerikanischen Kunstszene, gibt sie zu, dass sie sich meist gezwungen sah, ihren zivilen Status zu verleugnen. Zwar haben einige amerikanische Künstlerinnen der älteren, bis 1935 geborenen Generation (so auch Louise Bourgeois) Familie gehabt und Kinder großgezogen, dies hat sich jedoch stets als Karrierehindernis erwiesen und wurde nach Möglichkeit verheimlicht. Es ist daher typisch für diese Künstlerinnen, dass sie als Einzelkämpferinnen - sofern sie dieses Alter erlebten - erst in ihren Sechzigern Karriere machten und den internationalen Durchbruch schafften. Die mittlere Generation amerikanischer Künstlerinnen hat entweder ganz auf die Mutterschaft verzichtet oder sie plakativ im Sinne feministischer Kunst thematisiert, wie etwa Mary Kelly in ihrer "post partum"-Serie. Erst die jüngere Generation, für die andere Produktions- und Lebensbedingungen gelten, und bei der sich Berufsausübung und Privatleben noch weiter vermischen, wagt sich unverkrampfter an die verpönte Verbindung Künstlerin/Mutter.
Die berufliche Situation war für Nancy Spero auch deshalb schwierig, weil sie keinen Studienabschluss mit Lehrbefugnis hat, sondern nur den B.A., "und ich auch nicht lehren wollte ... es stellte sich also die Frage, wie viel Geld wir brauchten. Er lehrte, ich zog die Kinder auf, bekam einige Stipendien, aber Priorität hatte die Familie. Ich verdrängte in diesem beschützenden Familienkontext einfach die Tatsache, dass ich eigentlich meine Kunst machen wollte ... wahrscheinlich war es ein zu großer Schock für mich gewesen, unvorbereitet mit Kindern dazustehen ...".
Auf die Frage, ob im Laufe ihres langen Kampfes für die Frauen Fortschritte erreicht wurden und wie sie die heutige Situation beurteile, antwortet Nancy Spero: "Ich glaube, dass wir zumindest eines erreicht haben, wir haben keine Angst mehr davor, politische Kunst zu machen, in die Politik einzugreifen".